Tobias Kratzer revolutioniert die Staatsoper Hamburg mit provokanter Schumann-Inszenierung
Jakob MaierTobias Kratzer revolutioniert die Staatsoper Hamburg mit provokanter Schumann-Inszenierung
Hamburg Nachrichten: Das entscheidende Geschenk
Tobias Kratzer übernimmt die Staatsoper Hamburg – sein Debüt mit einer mutigen Neuinterpretation von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri setzt Maßstäbe.
Tobias Kratzer hat die Leitung der Staatsoper Hamburg als neuer Intendant übernommen. Seine erste Produktion, eine kühne Neuerfindung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri, markiert den Auftakt einer Amtszeit, die auf Innovation und den Dialog mit der Stadtgesellschaft setzt. Die Premiere löste starke Reaktionen aus: begeisterter Applaus mischte sich mit vereinzeltem Buhrufen.
Kratzers Debüt bricht bewusst mit der Tradition, indem es aktuelle Themen ungeschönt aufgreift. In seiner Version von Schumanns Oratorium wird der sterbende Jüngling – eine zentrale Figur – als schwarzer Mann dargestellt, der sich einem weißen Anführer widersetzt, der die Massen in Konflikte treibt. Diese Veränderung verleiht dem Werk aus dem 19. Jahrhundert eine drastische zeitgenössische Schärfe.
Auch die Inszenierung sprengt konventionelle Grenzen: Die vierte Wand wird vollständig aufgehoben, die Darsteller sprechen das Publikum direkt an, filmen es mitunter sogar. Im dritten Akt dominieren Themen der Klimakrise und verknüpfen Schumanns Musik mit drängenden Gegenwartsfragen.
Neben Das Paradies und die Peri umfasst Kratzers Premieren-Spielzeit zwei weitere provokante Werke: Monster’s Paradise sowie eine neuartige Interpretation von Frauenliebe und -leben. Letztere, im Februar 2023 aufgeführt, verzichtet bewusst auf die Nennung des Opfernamen und lenkt den Fokus auf den universellen Kampf statt auf individuelle Identität. Peri, die himmlische Gestalt in Schumanns Stück, sucht nach einem Geschenk, das das Paradies erschließt – eine Metapher, die Kratzer nutzt, um gesellschaftliche Werte infrage zu stellen.
Kratzer hat deutlich gemacht, dass er das Opernhaus stärker für die Hamburger Öffentlichkeit öffnen will. Sein Ansatz verbindet radikale Neudeutungen mit dem Ziel, Kultur breiter zugänglich zu machen.
Das Premierenpublikum reagierte mit lautem Beifall und vereinzelten Buhrufen – ein Spiegel der polarisierenden Wirkung der Inszenierung. Kratzers Vision für die Staatsoper Hamburg, geprägt von politischer Dringlichkeit und Publikumseinbindung, weist klar den Weg für seine Intendanz. Künftige Aufführungen werden zeigen, ob dieser mutige Stil bei den Hamburger Opernbesuchern nachhaltig Anklang findet.
